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Vagusnerv-Stimulation: Wirkung & Studienlage – was wirklich belegt ist

Evidenzbasierter Überblick zu Vagusnerv-Stimulation: Was ist in RCTs und Reviews belegt, was bleibt unklar? Fokus auf Anwendung, Sicherheit und Einordnung.

Vagusnerv-Stimulation (VNS) ist eine Form der neuromodulatorischen Therapie, bei der der Vagusnerv gezielt elektrisch stimuliert wird, um über Nerven- und Hirnnetzwerke bestimmte physiologische Prozesse zu beeinflussen. Klinisch ist VNS vor allem bei therapieresistenter Epilepsie etabliert. Für Rehabilitation nach Schlaganfall und bei nicht-invasiven Ansätzen (z. B. transkutane Vagusnerv-Stimulation) gibt es zusätzliche, teils randomisierte Daten – aber die Evidenz unterscheidet sich je Indikation deutlich.

Was Vagusnerv-Stimulation ist – und welche Formen es gibt

Vagusnerv-Stimulation bedeutet, dass der Vagusnerv elektrisch stimuliert wird, um zentrale (Hirn‑)Prozesse zu modulieren. In der Praxis gibt es vor allem implantierbare VNS-Systeme (häufig bei Epilepsie) sowie nicht-invasive Varianten wie transkutane Vagusnerv-Stimulation (tVNS), die zu Hause bzw. ambulant in Studien/Anwendungen untersucht werden können.

Der zentrale Gedanke bei VNS ist relativ konsistent: Der Vagusnerv verbindet den Körper mit zentralen Strukturen und beeinflusst über Verschaltungen neurophysiologische Signalwege. Klinisch wird dieser Mechanismus genutzt, um Symptome zu modulieren, typischerweise in Populationen, bei denen Standardtherapien nicht ausreichend wirken.

Implantierbare VNS-Systeme (klassische VNS)

Bei implantierbaren Systemen wird ein Stimulationsgerät operativ eingesetzt und über Elektroden der Vagusnerv stimuliert. Diese Form ist in der Indikation therapieresistenter Epilepsie besonders prominent. Die Studienlage dafür ist nicht nur umfangreich, sondern auch methodisch relativ gut zusammengefasst (systematische Übersichten) (Melese et al., 2024, PMID 39473272).

Transkutane Vagusnerv-Stimulation (tVNS)

tVNS nutzt elektrische Impulse über die Haut (ohne Implantat), um den Vagusnerv bzw. vagale Afferenzen zu stimulieren. In der Forschung wird tVNS besonders häufig als Baustein in multimodalen Trainings- oder Reha-Schemata getestet – zum Beispiel kombiniert mit anderen neuromodulatorischen Verfahren (Wang et al., 2024, PMID 39508575). Das ist relevant, weil „VNS allein“ in vielen Reha-Konzepten nicht die ganze Geschichte ist.

Warum Kombinationen oft wichtiger sind als „VNS als Einzelmaßnahme“

Gerade im Reha- und Funktionskontext wird VNS häufig als Modulator verstanden, während die eigentliche Veränderung über Training, Belastungssteuerung und Wiederholung entsteht. Das spiegelt sich auch in RCT-Designs wider, in denen z. B. tVNS plus tDCS auf funktionelle Ziele wie den Gang adressiert wird (Wang et al., 2024, PMID 39508575). Mechanistisch werden VNS-Effekte zwar diskutiert, aber aus Grundlagen- und Übersichtsarbeiten lässt sich nicht automatisch ableiten, dass jede gewünschte Wirkung zuverlässig und in derselben Stärke erreichbar ist (De Ferrari et al., 2011, PMID 21165697; Howland et al., 2014, PMID 24834378; George et al., 2000, PMID 10686263).

Zuerst die Basis: Schlaf, Bewegung, Licht – bevor man stimuliert

Wenn du mit VNS (oder tVNS) besser schlafen, belastbarer werden oder „mentale Stabilität“ verbessern willst, ist die Basis fast immer zuerst dran: Schlaf, Bewegung und Licht/Chronobiologie beeinflussen viele der gleichen Zielgrößen (Energie, Stimmung, Antrieb, neurokognitive Leistungsfähigkeit) und sind ohne Geräte verfügbar. In Reha-Konzepten ist task-spezifisches Training die Hauptachse; VNS ist dann eher ein Zusatz, dessen Zusatznutzen in Studien geprüft wird.

Warum betone ich das so deutlich? Weil viele Effekte, die Menschen mit VNS verbinden, stark vom Zustand abhängen: Wie gut du schläfst, wie du trainierst, wann du Tageslicht bekommst, wie hoch die Gesamtbelastung ist. Studien zu VNS (insbesondere bei Reha) zeigen zwar messbare Ergebnisse in definierten Endpunkten, aber die Studienlogik entspricht meist nicht dem „ich stimuliere und alles wird besser“-Narrativ.

Reha nach Schlaganfall/Stroke: Training zuerst, Stimulation als Zusatz

Im Bereich Gang/Rehabilitation ist die Intervention in Studien oft klar „task-orientiert“: Ziel ist eine funktionelle Verbesserung (z. B. Gang), und neuromodulatorische Bausteine werden zusätzlich eingesetzt. Ein Beispiel ist die RCT bei subakuten Schlaganfallpatienten, in der transkutane Vagusnerv-Stimulation zusammen mit tDCS auf den Gang adressiert wurde (Wang et al., 2024, PMID 39508575). Daraus folgt nicht, dass tVNS alleine ohne Training den gleichen Nutzen liefert.

Epilepsie: ärztliche Indikation hat Priorität

Bei Epilepsie ist die Lage anders. VNS ist dort nicht „Optimierung“, sondern ein Therapieansatz bei therapieresistenter Epilepsie, eingebettet in medizinische Betreuung. Die systematische Evidenz fokussiert u. a. auf Anfallskontrolle, kognitive Funktionen und Lebensqualität (Melese et al., 2024, PMID 39473272). Das heißt: Lifestyle ist zwar auch allgemein wichtig, aber die Entscheidung für VNS folgt einer sicherheitsrelevanten Diagnose.

Praktische Leitlinie im Alltag: erst Hebel, dann Geräte

Wenn du dich fragst, ob du „VNS brauchst“, stelle dir zuerst drei Fragen:

  1. Ist dein Schlaf ausreichend reguliert?
  2. Ist dein Training belastungs- und zielspezifisch?
  3. Gibt es klare Alltags- oder Reha-Ziele, die du sinnvoll trainierst?

Wenn du dann noch Zusatznutzen suchst, ist die Evidenzlage je Indikation unterschiedlich. Für zu Hause bzw. At-Home-Training existieren tatsächlich Studien zu at-home VNS-Pairing mit task-spezifischem Training – aber auch hier wird der Trainingsanteil explizit berücksichtigt (Malley et al., 2026, PMID 41707125).

Für verwandte Lifestyle-Hebel lohnt auch ein Blick auf methodische Übersichten zur Evidenz von Rhythmus und Zeitstruktur, z. B. Circadianer Rhythmus: Wirkung & Studienlage (was belegt ist).

Evidenzhierarchie: Was RCTs, systematische Reviews und nicht-klinische Daten leisten

Wenn du „was wirklich belegt ist“ herausfiltern willst, brauchst du eine Evidenzhierarchie: Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) liefern die stärkste Basis für Wirksamkeit innerhalb einer konkreten Intervention; systematische Reviews fassen diese Evidenz zusammen und reduzieren Auswahl- und Studienspezifisches Rauschen. Grundlagen- und Übersichtsarbeiten erklären Mechanismen, sind aber keine Garantie für klinische Effekte.

Systematische Reviews: besonders stark bei Epilepsie

Für therapieresistente Epilepsie ist die Datenbasis laut systematischer Übersicht besonders gut zusammengefasst: VNS wird mit Blick auf Anfallskontrolle, kognitive Funktion und Lebensqualität bewertet (Melese et al., 2024, PMID 39473272). Systematische Reviews sind methodisch darauf ausgelegt, heterogene Studien in einer strukturierten Form zu verdichten. Sie ersetzen zwar keine klinische Entscheidung im Einzelfall, liefern aber eine robuste Antwort darauf, ob ein Signal konsistent ist.

RCTs: konkret, aber immer im Rahmen des Studiendesigns

Ein Beispiel, wie RCTs praktisch interpretierbar sind: In einer RCT wurde die Kombination aus transkutaner Vagusnerv-Stimulation und tDCS auf den Gang in 169 subakuten Schlaganfallpatienten untersucht (Wang et al., 2024, PMID 39508575). Das ist nicht „generische VNS-Wirkung“, sondern ein sehr konkretes Paket: Patientengruppe, Zeitraum, Outcome und Kombinationspartner. RCTs beantworten daher: „Wirkt dieses Paket unter diesen Bedingungen?“

At-Home-Ansätze: RCT-Logik trifft Alltagsdurchführbarkeit

At-Home-Delivery wird spannend, weil es die Frage beantwortet, ob die Intervention im Alltag reproduzierbar ist. Eine Studie zu zu Hause durchführbarer VNS-Paarung mit task-spezifischem Training untersuchte die Verbesserung hochpriorisierter Aktivitäten bei Personen mit chronischer Rückenmarkverletzung oder Stroke (Malley et al., 2026, PMID 41707125). Wichtig: Auch hier ist der Trainingsanteil integraler Bestandteil der Intervention.

Grundlagen-/Übersichtsarbeiten: Mechanismus ja, Wirkung auf Outcomes nein

Mechanistische Arbeiten diskutieren, wie VNS möglicherweise wirkt. Das ist nützlich für Plausibilität und Hypothesen, aber aus einem Mechanismus folgt nicht automatisch ein klinischer Nutzen in einer gewünschten Stärke oder bei jeder Population. Genau deshalb sollte man solche Arbeiten sauber von klinischen Outcomes trennen (George et al., 2000, PMID 10686263; De Ferrari et al., 2011, PMID 21165697; Howland et al., 2014, PMID 24834378).

Wenn du tiefer in „wie man Studien korrekt liest“ willst, ist das auch im nächsten Abschnitt als Quick-Check integriert. (Siehe „Studien-Quick-Check: So liest du VNS-Forschung methodisch korrekt“.)

Studienübersicht nach Zielbereich und Studiendesign (kurz & methodisch)

ZielbereichIntervention/DesignStudiendaten (Population/Umfang)Was daraus belastbar ableitbar ist
Therapieresistente EpilepsieImplantierbare VNS; systematische ÜbersichtSystematische Auswertung (Details je Einzelstudie in Review) (Melese et al., 2024, PMID 39473272)Konsistente Bewertung von Anfallskontrolle, Kognition und Lebensqualität in dieser Indikation
Gang/Reha nach SchlaganfalltVNS + tDCS; RCT169 subakute Schlaganfallpatienten (Wang et al., 2024, PMID 39508575)Wirksamkeit/Änderung im Gang-Outcome für das Kombinationstreatment in dieser Phase
At-Home Training bei chronischen FolgenAt-Home VNS-Pairing + task-spezifisches TrainingStudie bei chronischer Rückenmarkverletzung oder Stroke (Malley et al., 2026, PMID 41707125)Machbarkeit + Effekt auf hochpriorisierte Aktivitäten, aber als Bestandteil eines Trainingsprotokolls
Mechanismen/EinordnungGrundlagen-/Übersichtsarbeitenkeine direkte Outcome-Wirkung im Sinne klinischer EndpunkteMechanistische Plausibilität, nicht automatisch klinische Wirksamkeit (De Ferrari et al., 2011, PMID 21165697; Howland et al., 2014, PMID 24834378)

Welche Wirkungen sind am besten untersucht – und wo bleiben Lücken

Am besten belegt ist VNS derzeit bei therapieresistenter Epilepsie (mit systematischen Übersichten als Rückgrat). Für Schlaganfall/Reha gibt es RCT-Daten, häufig jedoch als Kombination und mit funktionsnahen Endpunkten wie Gang. Bei zu Hause durchführbaren Ansätzen sind Daten vielversprechend, aber immer im Kontext eines Trainingsprotokolls – und die Übertragbarkeit auf andere Ziele bleibt begrenzt.

Epilepsie: Anfallskontrolle, plus kognitive Funktion und Lebensqualität

Die systematische Übersicht zu VNS bei drug-resistant epilepsy bündelt Ergebnisse zu Anfallskontrolle sowie zu kognitiven Funktionen und Lebensqualität (Melese et al., 2024, PMID 39473272). Der wichtigste Punkt für dich: Die Evidenz ist nicht nur auf „weniger Anfälle“ reduziert, sondern deckt auch Outcomes ab, die im Alltag oft genauso entscheidend sind. Gleichzeitig gilt: Eine Übersichtsarbeit ist stark in der Aggregation, aber die konkrete „Ausmaß“-Frage (z. B. wie groß die Effekte in jedem Subtyp sind) hängt von den eingeschlossenen Studien ab.

Schlaganfall/Rehabilitation: Gang als konkretes Ziel

In der RCT mit 169 subakuten Schlaganfallpatienten wurde tVNS zusammen mit tDCS eingesetzt und die Effizienz am Gang bewertet (Wang et al., 2024, PMID 39508575). Das ist ein wichtiges Detail, weil du aus dieser Evidenz nicht automatisch ableiten kannst, dass tVNS allein (ohne tDCS) oder zu anderen Zeitfenstern (z. B. Jahre nach Stroke) die gleichen Effekte liefert. Die Studienfrage ist präzise, und genau so solltest du die Aussagekraft interpretieren.

At-Home: Verbesserung „hochpriorisierter Aktivitäten“ bei chronischen Verläufen

Eine weitere Studienspur ist at-home: VNS wird gepaart mit task-spezifischem Training, um bei chronischer Rückenmarkverletzung oder Stroke Verbesserungen bei hochpriorisierten Aktivitäten zu erreichen (Malley et al., 2026, PMID 41707125). Hier ist die Lücke, die du im Kopf behalten solltest: „At-home“ macht die Anwendung alltagsnah, aber es garantiert nicht, dass dieselbe Wirksamkeit für andere Outcomes (z. B. Schmerz, Angst, allgemeine Stimmung) im gleichen Ausmaß belegt ist. Solche Ziele wurden in den genannten Studien zumindest nicht als primäre Universalantwort dargestellt.

Wo bleiben Lücken?

  • Breite Zielkataloge: Viele der Effekte, die Menschen im Biohacking-Kontext erwarten (z. B. Stimmung „automatisch“ oder allgemeine kognitive Steigerung), sind nicht in derselben Breite und Tiefe durch RCTs abgedeckt wie Epilepsie-Outcomes. (Melese et al., 2024, PMID 39473272; Wang et al., 2024, PMID 39508575).
  • Vergleichbarkeit der Protokolle: tVNS-Parameter, Triggerschemata und Kombinationen variieren. Mechanistische Plausibilität ist vorhanden, aber „direkte Wirkversprechen“ sind aus Grundlagen- und Übersichtsarbeiten nicht seriös abzuleiten (De Ferrari et al., 2011, PMID 21165697; Howland et al., 2014, PMID 24834378).

Wenn du das als Entscheidungsfilter nutzt, kommst du schnell zu einer realistischen Erwartungshaltung: VNS ist am stärksten in klaren Indikationen und klaren Endpunkten, und als Zusatz zu Training/Behandlung, nicht als Allheilmittel.

Sicherheit, Peri-OP-Management und ärztliche Rahmenbedingungen

Sicherheit ist bei VNS nicht „optional“, weil es je nach Indikation und Technik (implantiert vs. nicht-invasiv) unterschiedliche Risiken und Managementanforderungen gibt. Für die perioperative Phase existieren Leitlinien zum Management der VNS-Therapie. Zusätzlich zeigen Übersichtsarbeiten, dass die Umsetzung von VNS vom vorklinischen Denken hin zur klinischen Anwendung Herausforderungen hat.

Perioperative Leitlinien: konkrete Rahmenbedingungen

Broderick et al. bündeln Leitlinien für das perioperative Management von VNS-Therapie (Broderick et al., 2023, PMID 37096456). Das ist besonders relevant, weil elektive Eingriffe, Anästhesie-Planung und technische Interaktionen (z. B. mit Überwachungssystemen oder Geräten) in der Praxis berücksichtigt werden müssen. Für Laien heißt das: Wenn VNS implantiert ist oder eine medizinisch geplante Intervention ansteht, sollte „Biohacking“ nicht an erster Stelle stehen. Du brauchst ärztliche Planung und Dokumentation.

Übergang von präklinisch zu klinisch: warum das wichtig ist

De Ferrari et al. beschreiben Herausforderungen beim Übergang von präklinischen Daten zur klinischen Anwendung (De Ferrari et al., 2011, PMID 21165697). Dieser Punkt betrifft nicht nur die Wirksamkeit, sondern auch die Frage, wie man Sicherheit, Protokolle und Implementierung in echten Versorgungsabläufe bringt. Auch Howland et al. diskutieren den klinischen Kontext von VNS als eigenständiges Forschungs- und Anwendungsfeld (Howland et al., 2014, PMID 24834378). George et al. ordnen VNS außerdem historisch als Werkzeug für Hirntherapie und Forschung ein (George et al., 2000, PMID 10686263).

„Sicherheit und Kontraindikationen“: was man daraus für dich praktisch ableiten kann

Ohne eine Indikations- und Technik-spezifische ärztliche Bewertung ist eine konkrete Kontraindikationsliste im Sinne „für dich gilt das nicht“ unseriös. Die genannten Quellen zeigen aber klar, dass VNS im medizinischen Setting Management braucht (Broderick et al., 2023, PMID 37096456) und dass man mechanistische Annahmen nicht 1:1 in Alltagssicherheit übersetzen sollte (De Ferrari et al., 2011, PMID 21165697; Howland et al., 2014, PMID 24834378).

Praktische Regeln für den Alltag (ohne Hype, aber handlungsfähig)

  1. Wenn es implantierbares VNS oder eine klare Epilepsie-Indikation betrifft: Medizinische Leitplanken priorisieren.
  2. Wenn es um nicht-invasive tVNS geht: Auch hier gilt: bestehende Diagnosen, Medikation und bevorstehende Eingriffe klären lassen.
  3. Wenn du VNS als „Experiment“ starten willst: Halte dir vor Augen, dass in den Studien häufig ein definiertes Protokoll und ein Monitoring existieren; diese Struktur ist entscheidend für Sicherheit und Interpretierbarkeit.

Wenn du dich methodisch durch die Studien lesen willst, ist der nächste Abschnitt dein Filterwerkzeug.

Studien-Quick-Check: So liest du VNS-Forschung methodisch korrekt

Bevor du aus einer VNS-Studie eine persönliche Entscheidung ableitest, solltest du ihre Evidenzstärke und ihr Design prüfen. RCTs und systematische Reviews sind deutlich aussagekräftiger als Grundlagenarbeiten; gleichzeitig musst du sehen, ob dein gewünschtes Outcome wirklich zu der untersuchten Population und Intervention passt. Genau hier passieren im Internet die meisten Fehlinterpretationen.

Schritt 1: Evidenztyp erkennen (RCT vs. Review vs. Grundlagen)

  • Systematische Reviews bündeln, was bisher klinisch beobachtet wurde. Für Epilepsie ist das die stärkste Basis in deiner Liste (Melese et al., 2024, PMID 39473272).
  • RCTs prüfen konkret eine Intervention unter kontrollierten Bedingungen, z. B. tVNS + tDCS für den Gang in 169 subakuten Schlaganfallpatienten (Wang et al., 2024, PMID 39508575).
  • Grundlagen-/Übersichtsarbeiten erklären Mechanismen. Sie sind wichtig, aber nicht gleichbedeutend mit klinischer Wirksamkeit in deinem Alltagsszenario (De Ferrari et al., 2011, PMID 21165697; Howland et al., 2014, PMID 24834378; George et al., 2000, PMID 10686263).

Schritt 2: Outcome prüfen, nicht nur „VNS funktioniert irgendwie“

Ein häufiger Fehler: Man liest „Verbesserung“ und schließt daraus auf jede Zielgröße. In den genannten klinischen Schwerpunkten geht es jedoch um spezifische Endpunkte:

  • Epilepsie: Anfallskontrolle, Kognition, Lebensqualität (Melese et al., 2024, PMID 39473272)
  • Schlaganfall: Gang/Gehen als funktionelles Outcome (Wang et al., 2024, PMID 39508575)
  • At-Home: hochpriorisierte Aktivitäten im Kontext von task-spezifischem Training (Malley et al., 2026, PMID 41707125)

Wenn dein Ziel (z. B. Schmerz, Angst, allgemeine Leistungsfähigkeit) nicht explizit im Outcome-Set steht, ist die Übertragung unsicher.

Schritt 3: Kombinationslogik beachten

Viele Interventionen sind nicht „VNS allein“. Ein Beispiel ist die Kombination tVNS + tDCS (Wang et al., 2024, PMID 39508575). Wenn eine Studie ein Kombinationsschema testet, ist die korrekte Schlussfolgerung: „Dieses Paket wirkt (in diesem Design) für dieses Outcome.“ Nicht: „tVNS allein hat denselben Effekt.“

Schritt 4: Population und Krankheitsphase abgleichen

Reha-Zeitfenster sind in Studien oft selektiv (z. B. subakut). In deinem Alltag kann „Zeit seit Ereignis“ eine große Rolle spielen. Daher: Frage „Passt die Krankheitsphase zu mir?“ – sonst wird aus einer RCT-Aussage schnell ein falscher Selbsttest.

Schritt 5: Sicherheit realistisch einordnen

Perioperative Leitlinien zeigen, dass VNS-Kontexte geplant gemanagt werden müssen (Broderick et al., 2023, PMID 37096456). Wenn du also irgendwo „einfach ausprobieren“ liest, prüfe immer: Gibt es eine ärztliche Indikation/Betreuung und klare Managementregeln?

Was du daraus mitnimmst

  • Am besten belegt ist Vagusnerv-Stimulation bei therapieresistenter Epilepsie – gestützt durch eine systematische Übersicht zu Anfallskontrolle, Kognition und Lebensqualität (Melese et al., 2024, PMID 39473272).
  • Für Schlaganfall/Reha gibt es RCT-Daten, aber häufig als Kombination (z. B. tVNS + tDCS) und mit klaren funktionellen Endpunkten wie dem Gang (Wang et al., 2024, PMID 39508575).
  • At-Home-Ansätze sind in Studien als VNS-Pairing mit task-spezifischem Training umgesetzt und zielen auf „hochpriorisierte Aktivitäten“ (Malley et al., 2026, PMID 41707125). Der Trainingsanteil ist kein Nebendetail.
  • Sicherheit und Rahmenbedingungen sind ernst zu nehmen: Für die perioperative Phase existieren Leitlinien zum Management der VNS-Therapie (Broderick et al., 2023, PMID 37096456).
  • Lifestyle-Hebel (Schlaf, Belastungssteuerung, Licht/Rhythmus) sind die Basis, auf der jede zusätzliche Intervention sinnvoll eingeordnet werden sollte, statt sie zu ersetzen.

Häufige Fragen

Ist Vagusnerv-Stimulation beim Menschen bereits gut belegt?
Am besten belegt ist VNS bei therapieresistenter Epilepsie, gestützt durch eine systematische Übersicht (Melese et al., 2024, PMID: 39473272). Für Rehabilitation nach Schlaganfall gibt es randomisierte Daten, etwa zu tVNS plus tDCS (Wang et al., 2024, PMID: 39508575).
Welche Formen der Vagusnerv-Stimulation wurden in den Studien untersucht?
In den verfügbaren Studien tauchen sowohl implantierbare VNS-Ansätze als auch nicht-invasive transkutane Verfahren (tVNS) auf. Außerdem werden Kombinationen getestet, zum Beispiel tVNS zusammen mit transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) in einer RCT (Wang et al., 2024, PMID: 39508575).
Gibt es Daten zu VNS für Schlaganfall- oder Reha-Ziele?
Ja, es gibt randomisierte Reha-Daten: Eine RCT mit 169 subakuten Schlaganfallpatientinnen und -patienten untersuchte die Kombination aus transkutaner Vagusnerv-Stimulation und tDCS auf den Gang (Wang et al., 2024, PMID: 39508575). Weitere Ansätze werden für zu Hause plus Training berichtet.
Ist VNS auch für Anwendungen zu Hause untersucht?
Es gibt Studien zu At-Home-Delivery: Eine Untersuchung kombiniert Vagusnerv-Stimulation mit task-spezifischem Training und zielt auf die Verbesserung hochpriorisierter Aktivitäten bei chronischer Querschnittlähmung oder Stroke ab (Malley et al., 2026, PMID: 41707125). Die Übertragbarkeit hängt von Protokollen und Patientenauswahl ab.
Was sagt die Evidenz zur Sicherheit und zum Umgang vor oder während OPs?
Für den perioperativen Umgang gibt es Leitlinien zum Management der VNS-Therapie (Broderick et al., 2023, PMID: 37096456). Außerdem betonen Übersichtsarbeiten, dass die klinische Implementierung Herausforderungen hat (De Ferrari et al., 2011, PMID: 21165697). Daraus folgt: nicht experimentell ohne ärztliche Abstimmung.