Stacy Sims’ Bücher werden oft zusammen genannt, behandeln aber nicht dieselbe physiologische Situation. Wenn du wissen willst, welches Buch für dich sinnvoller ist, ist die wichtigste Frage nicht, wie „fortgeschritten“ dein Biohacking ist, sondern in welcher Hormonphase du trainierst und welche Probleme du lösen willst.
Wichtig ist dabei auch: Viele Grundideen beider Bücher sind plausibel und teilweise gut mit Sport- und Ernährungsforschung vereinbar. Nicht jede konkrete Regel oder jedes Timing-Protokoll ist aber direkt durch große, langfristige randomisierte Studien abgesichert. Genau diese Unterscheidung ist für eine realistische Einordnung entscheidend.
Worum es in „Roar“ und „Next Level“ jeweils geht
Kurz gesagt: „Roar“ richtet sich primär an menstruierende Sportlerinnen, „Next Level“ an Frauen in Perimenopause und Menopause. Beide Bücher wollen Training und Ernährung an weibliche Physiologie anpassen, der zentrale Unterschied ist aber die hormonelle Ausgangslage — also zyklische Schwankungen versus dauerhaft veränderte Hormonspiegel.
„Roar“ ist im Kern ein Buch über Training, Ernährung und Regeneration unter den Bedingungen eines aktiven Menstruationszyklus. Die Logik dahinter: Frauen sind nicht einfach „kleinere Männer“, und Trainings- oder Ernährungsstrategien, die fast ausschließlich an männlichen Probanden entwickelt wurden, lassen sich nur begrenzt übertragen. Diese Grundkritik ist berechtigt, weil Frauen in der Sportwissenschaft historisch unterrepräsentiert waren und viele Datensätze tatsächlich überwiegend männlich sind (in mehreren Reviews und Positionspapieren).
Im Fokus von „Roar“ stehen deshalb Themen wie Zyklusphasen, mögliche Unterschiede in subjektiver Belastung, Wärmeverträglichkeit, Regeneration, Substratnutzung und Energieverfügbarkeit. Ein Teil davon ist physiologisch plausibel und durch kleinere Interventionsstudien, Beobachtungsdaten und Reviews gestützt. Die Datenlage ist aber heterogen: Für manche zyklusbezogenen Effekte finden Reviews nur kleine bis moderate Unterschiede, für andere gar keine konsistenten Effekte, weil Studiendesigns, Zyklusbestimmung und Trainingsstatus stark variieren (systematische Reviews der letzten Jahre).
„Next Level“ verschiebt den Fokus deutlich. Hier geht es nicht mehr primär um einen funktionierenden Zyklus mit wiederkehrenden Hormonspitzen und -abfällen, sondern um Perimenopause und Menopause: also um eine Phase, in der Östrogen- und Progesteronmuster unregelmäßiger werden und später deutlich niedriger liegen. Damit ändern sich typische Probleme. Statt zyklusgerechter Periodisierung stehen eher Kraftverlust, veränderte Körperzusammensetzung, Schlafprobleme, Hitzewallungen, Erholungsprobleme und der Umgang mit Training in der Lebensmitte im Vordergrund.
Beide Bücher verfolgen also denselben übergeordneten Ansatz: weibliche Physiologie ernst nehmen. Praktisch beantwortet aber jedes Buch eine andere Frage. „Roar“ fragt: Wie trainiere und esse ich innerhalb eines Menstruationszyklus sinnvoll? „Next Level“ fragt: Wie passe ich Training und Ernährung an, wenn sich die hormonelle Basis in Perimenopause oder Menopause grundlegend verändert hat?
Roar vs. Next Level im direkten Vergleich: Zielgruppe, Themen, Evidenz und Praxisnutzen
Kurz gesagt: Wenn du beide Bücher direkt vergleichst, zeigt sich: „Roar“ ist eher ein Zyklus-Buch für menstruierende Athletinnen, „Next Level“ ein Praxisbuch für die Lebensmitte und danach. Der größte Unterschied liegt weniger in „mehr Methoden“, sondern in Zielgruppe, typischen Beschwerden, Trainingsfokus und der Art der abgeleiteten Empfehlungen.
Die folgende Gegenüberstellung ist der schnellste Weg zur Einordnung:
| Aspekt | „Roar“ | „Next Level“ |
|---|---|---|
| Primäre Zielgruppe | Menstruierende Sportlerinnen, oft mit Leistungs- oder Wettkampffokus | Frauen in Perimenopause und Menopause |
| Physiologische Leitidee | Zyklusbedingte hormonelle Schwankungen beeinflussen Training, Ernährung und Regeneration | Dauerhaft veränderte bzw. instabile Hormonspiegel verändern Belastbarkeit, Körperzusammensetzung und Erholung |
| Typische Themen | Zyklusphasen, Energieverfügbarkeit, sportartspezifische Anpassungen, Timing | Krafttraining, Protein, Symptommanagement, Schlaf, Körperzusammensetzung, Leistungsabfall in der Lebensmitte |
| Praktischer Nutzen | Hilfreich, wenn du regelmäßig menstruierst und dein Training bewusst zyklusbezogen strukturieren willst | Hilfreich, wenn Zyklusunregelmäßigkeit, Hitzewallungen, Schlafprobleme oder sinkende Belastbarkeit dominieren |
| Evidenzlage | Gemischt: einige Bereiche durch kleinere Studien und Reviews plausibel, viele konkrete Zyklusregeln nicht stark durch große RCTs abgesichert | Relativ robuster bei Grundprinzipien wie Krafttraining, Protein und Bewegung; viele spezifische Buchregeln dennoch nicht direkt per RCT geprüft |
| Risiko der Fehlanwendung | Zu starke Fixierung auf Zyklus-Phasen kann individuelle Unterschiede überdecken | Nicht alles, was in Midlife hilft, ist automatisch für jüngere menstruierende Sportlerinnen sinnvoll |
Methodisch ist wichtig: Die robusteste Evidenz liegt meist nicht bei buchspezifischen Details, sondern bei den Grundprinzipien. Für Krafttraining in Peri- und Postmenopause gibt es mehrere Interventionsstudien und Meta-Analysen, die Verbesserungen bei Muskelkraft, funktioneller Leistung und teils auch Körperzusammensetzung zeigen (Meta-Analysen und systematische Reviews). Für ausreichende Proteinzufuhr und den Erhalt fettfreier Masse bei älteren Erwachsenen und trainierenden Personen ist die Evidenz ebenfalls deutlich besser als für sehr spezifische Timing-Regeln (Meta-Analysen).
Bei zyklusabhängigen Trainingsempfehlungen ist die Lage deutlich uneinheitlicher. In mehreren systematischen Reviews wird beschrieben, dass es zwar Hinweise auf phasenabhängige Unterschiede geben kann, die Daten aber durch kleine Stichproben, unpräzise Zyklusklassifikation und individuelle Streuung begrenzt sind. Das heißt nicht, dass die Idee wertlos ist. Es heißt nur: Die Sicherheit, mit der einzelne Regeln manchmal kommuniziert werden, ist oft größer als die Stärke der Datenbasis.
Für wen welches Buch sinnvoller ist
Kurz gesagt: „Roar“ ist meist dann die bessere Wahl, wenn du noch regelmäßig menstruierst und dein Training stärker an den Zyklus anpassen willst. „Next Level“ ist in der Regel sinnvoller, wenn Perimenopause- oder Menopause-Themen wie unregelmäßige Zyklen, Schlafprobleme, Hitzewallungen oder Leistungsverlust im Vordergrund stehen.
Wenn du regelmäßig menstruiert, sportlich aktiv bist und dich fragst, ob zyklusbezogene Unterschiede in Training, Ernährung oder Regeneration für dich relevant sind, ist „Roar“ wahrscheinlich näher an deiner Lebensrealität. Das gilt besonders dann, wenn du Ausdauer- oder Wettkampfsport betreibst, deine Belastung systematisch steuerst oder den Eindruck hast, dass dein subjektives Leistungsgefühl über den Monat schwankt. Auch Schwangerschaft und frühere zyklusbezogene Sportfragen liegen inhaltlich näher an diesem Buch als an „Next Level“.
„Next Level“ ist die passendere Wahl, wenn dein Hauptproblem nicht mehr ein „normaler“ Zyklus ist, sondern Zykluschaos oder das Ausbleiben des Zyklus in der Lebensmitte, begleitet von Schlafstörungen, Hitzewallungen, langsamerer Regeneration, veränderter Fettverteilung oder Kraftverlust. Gerade hier wird die Trainingsfrage oft sehr praktisch: Wie trainierst du so, dass Muskelmasse, Knochengesundheit und Leistungsfähigkeit möglichst erhalten bleiben? Für diese Themen gibt es bei Bewegung und Krafttraining eine vergleichsweise solide Studienbasis (Meta-Analysen, Leitlinien, mehrere RCTs).
Weniger eindeutig ist die Zuordnung bei hormoneller Kontrazeption, Hysterektomie, Endometriumablation oder anderen Situationen, in denen der Zyklus als Marker unzuverlässig ist. Unter kombinierter hormoneller Kontrazeption sind endogene Schwankungen anders als im natürlichen Zyklus; bei Hysterektomie kann die Blutung als Orientierung fehlen, obwohl ovarielle Aktivität teilweise erhalten sein kann. Hier gilt besonders: Buchlogik ersetzt keine individuelle medizinische Einordnung.
Praktisch kannst du dir drei Fragen stellen:
- Habe ich noch einen regelmäßigen Zyklus?
- Sind meine Hauptthemen Leistungssteuerung im Zyklus oder eher Midlife-Symptome und Kraftverlust?
- Brauche ich eher Periodisierung oder eher eine neue Basisstrategie für eine veränderte Hormonlage?
Wenn du diese Fragen klar beantworten kannst, ergibt sich die Buchwahl oft fast von selbst.
Lifestyle-Hebel zuerst: Was vor jedem Buch wichtiger ist
Kurz gesagt: Noch vor jeder zyklus- oder menopausenspezifischen Feinsteuerung zählen die großen Hebel: genug Energie, genug Protein, regelmäßiges Krafttraining, Schlaf und Tageslicht. Für diese Faktoren ist die Evidenz deutlich robuster als für viele detailreiche Buchprotokolle oder einzelne Nahrungsergänzungen.
Der wichtigste Punkt ist oft überraschend unspektakulär: Energieverfügbarkeit. Eine zu geringe Energiezufuhr kann bei sportlich aktiven Frauen Zyklusfunktion, Regeneration, Schilddrüsenachse, Knochengesundheit und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Diese Zusammenhänge sind in der Sportmedizin gut beschrieben, unter anderem im Kontext von Low Energy Availability und Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S) (Konsensuspapiere, Reviews, Beobachtungsdaten und Interventionsdaten). Nicht jede Frau mit Müdigkeit, Leistungsabfall oder Zyklusproblemen braucht ein komplexes Hormonprotokoll; manchmal ist die grundlegende Ursache schlicht zu wenig Energie für die Trainingslast.
Direkt danach kommt Krafttraining. Gerade in Perimenopause und Postmenopause ist es ein zentraler Hebel, weil es Muskelkraft, funktionelle Kapazität und oft auch Körperzusammensetzung positiv beeinflussen kann (mehrere RCTs, Meta-Analysen). Das macht es zu einem praktisch wichtigeren Thema als die Frage, welches Supplement „hormonfreundlich“ wirkt. Ähnlich relevant ist ausreichende Proteinzufuhr, vor allem bei höherem Trainingsumfang, Kaloriendefizit oder zunehmendem Alter. Die genaue optimale Menge hängt vom Kontext ab, aber dass proteinreichere Ernährung im Vergleich zu zu niedriger Proteinzufuhr den Erhalt fettfreier Masse begünstigen kann, ist gut belegt (Meta-Analysen).
Auch Schlaf, Licht und Alkohol werden oft unterschätzt. Schlafprobleme in Perimenopause und Menopause sind häufig, aber nicht jede Müdigkeit braucht sofort Melatonin, Magnesium oder exotische Mischungen. Regelmäßige Schlafzeiten, morgendliches Tageslicht und weniger Alkohol am Abend sind als erste Schritte oft plausibler und praxisnäher. Gerade Alkohol kann Schlafqualität verschlechtern, auch wenn er das Einschlafen subjektiv erleichtert (kontrollierte Schlafstudien, Reviews).
Wenn du tiefer in trainingsnahe Basics einsteigen willst, kann auch ein nüchterner Blick auf allgemeine Gesundheitsstrategien helfen, etwa in Peter Attia „Outlive“: die wichtigsten Take-aways für Longevity. Und falls in deinem Kontext eher leistungsbezogene Ergänzungen relevant werden, ist Kreatin für Frauen: Was Studien zeigen und welche Mythen falsch sind deutlich näher an einer robusten Evidenzbasis als viele hormonbezogene Schnelllösungen.
Wie belastbar sind die Empfehlungen? Evidenz-Hierarchie und Grenzen
Kurz gesagt: Die Grundprinzipien hinter beiden Büchern sind oft plausibel und teilweise gut belegt, aber viele konkrete Regeln beruhen auf kleineren Studien, indirekten Ableitungen oder Beobachtungsdaten. Wer die Bücher nutzt, sollte daher zwischen gut gestützten Basics und hypothesenstärkeren Feinempfehlungen unterscheiden.
Ein typisches Problem in der Forschung zu Frauenphysiologie im Sport ist die kleine Stichprobengröße. Viele Studien zu Zyklusphasen, Substratnutzung, Trainingsanpassung oder Ernährungs-Timing arbeiten mit relativ wenigen Teilnehmerinnen. Dazu kommt, dass Zyklusphasen nicht immer sauber hormonell verifiziert werden, sondern teils nur über Kalenderangaben oder Selbstbericht eingeordnet werden. Das erhöht das Risiko für Fehleinteilungen und schwächt die Aussagekraft. Entsprechend kommen systematische Reviews häufig zu dem Schluss, dass zwar Hinweise auf zyklusabhängige Unterschiede bestehen, die Daten aber inkonsistent sind.
Auch bei der Menopause gilt: Nicht jede plausible Empfehlung ist direkt als Interventionsprotokoll getestet worden. Dass Krafttraining in dieser Lebensphase sinnvoll ist, ist gut gestützt. Dass ausreichende Proteinzufuhr hilft, Muskelmasse zu erhalten, ebenfalls. Schwieriger wird es bei sehr spezifischen Aussagen zu exaktem Timing, bestimmten Nährstoffkombinationen oder universellen Regeln für alle Frauen in der Perimenopause. Hier ist die Datenlage oft indirekt: Man kombiniert bekannte physiologische Veränderungen mit allgemeinen Trainings- und Ernährungsdaten, statt direkt das komplette Buchprotokoll zu testen.
Für die Praxis hilft eine einfache Evidenz-Hierarchie:
- Am belastbarsten: große RCTs, Meta-Analysen, systematische Reviews, Leitlinien
- Mittel: kleinere Interventionsstudien, kontrollierte Crossover-Studien
- Schwächer: Beobachtungsstudien
- Sehr begrenzt für direkte Praxisableitung: Tiermodelle, Zellkultur, theoretische Extrapolation
Wenn ein Buch sehr klare Regeln vorgibt, ist deshalb die wichtigste Frage: Ist diese Regel direkt am Menschen und in meiner Zielgruppe getestet worden — oder ist sie nur plausibel? Bei Ernährungsthemen lohnt sich zusätzlich Skepsis gegenüber zu harten Verboten. Zum Beispiel wird intermittierendes Fasten teils sehr allgemein empfohlen oder abgelehnt, obwohl die Studienlage differenzierter ist und stark vom Setting abhängt; einen Überblick dazu findest du in Intermittent Fasting: Was die RCTs zeigen – jenseits des Gewichts.
Kernunterschiede in Methodik, Sprache und Praxis
Kurz gesagt: „Roar“ arbeitet stärker mit Zyklus-Phasen und sportlicher Periodisierung, „Next Level“ stärker mit Symptomen, Kraftverlust und Anpassung an eine neue hormonelle Basislinie. Beide Bücher sind praktisch geschrieben, aber sie organisieren Probleme und Lösungen auf unterschiedliche Weise.
Methodisch ist „Roar“ eher ein Buch für Leserinnen, die ihr Training strukturieren, beobachten und feinjustieren wollen. Die Denkweise ist phasenorientiert: Wann im Zyklus fühlst du dich leistungsfähiger, wann empfindlicher für hohe Intensitäten, Hitze oder unzureichende Energiezufuhr? Das ist für ambitionierte Sportlerinnen attraktiv, weil es ein Raster für Selbstbeobachtung liefert. Der Nutzen hängt aber stark davon ab, wie regelmäßig dein Zyklus ist und wie präzise du überhaupt Muster erkennen kannst. In der Praxis reagieren viele Frauen deutlich individueller, als es starre Phasenmodelle suggerieren.
„Next Level“ ist in der Sprache häufig unmittelbarer: Es geht um typische Probleme der Lebensmitte — Schlafstörung, Bauchfett, Müdigkeit, sinkende Leistung, das Gefühl, dass alte Strategien nicht mehr funktionieren. Diese Perspektive ist alltagsnäher und für viele Leserinnen vermutlich zugänglicher als sportwissenschaftliche Periodisierung. Gleichzeitig verschiebt sich der Fokus stärker in Richtung Erhalt von Muskelmasse, Funktion und Belastbarkeit, was gut zur vorhandenen Evidenz passt.
Praktisch heißt das auch: „Roar“ kann inspirierend sein, wenn du dich als Athletin verstehst und an Stellschrauben im Trainingsprozess arbeiten willst. „Next Level“ ist meist hilfreicher, wenn du vor allem eine neue Trainingsrealität akzeptieren und sinnvoll gestalten musst. Beide Bücher neigen wie viele populäre Gesundheitsbücher dazu, Handlungssicherheit zu vermitteln. Das ist nützlich — solange du die Empfehlungen als Arbeitsmodell verstehst und nicht als Naturgesetz.
Wichtig bleibt: Nahrungsergänzungen sind in beiden Kontexten höchstens zweitrangig. Einzelne Substanzen können in spezifischen Situationen sinnvoll sein, aber sie ersetzen weder Schlaf noch sinnvolle Trainingsplanung noch ausreichende Energie- und Proteinzufuhr. Dasselbe gilt für populäre „Healthspan“-Mittel wie Vitamin K2 (MK-7): Dosierung, D3-Synergie und Studienlage oder immunbezogene Stoffe wie Quercetin: Wirkung auf Allergien, Mastzellen und das Immunsystem: interessant in ihrem Kontext, aber nicht die erste Antwort auf zyklus- oder menopausenbedingte Trainingsprobleme.
Was man realistisch erwarten darf — und was nicht
Kurz gesagt: Von beiden Büchern solltest du keine Wunderwirkung, aber durchaus mehr Struktur, bessere Selbstbeobachtung und passendere Grundentscheidungen erwarten. Sie können helfen, typische Fehler zu vermeiden — sie sind aber kein Ersatz für Diagnostik, individuelle Reaktion oder medizinische Abklärung.
Realistisch ist, dass ein passendes Buch dir hilft, dein Training nicht länger an einem unpassenden Standardmodell auszurichten. Das kann bedeuten, dass du Warnsignale wie Zyklusverlust, anhaltende Müdigkeit, schlechte Regeneration oder sinkende Kraft früher ernst nimmst. Gerade dieser Perspektivwechsel ist wertvoll. Viele Frauen profitieren nicht von mehr Komplexität, sondern von einer besseren Erklärung dafür, warum ein „mehr ist besser“-Ansatz nicht funktioniert — etwa wenn Trainingslast, Kalorienzufuhr und Erholung nicht zusammenpassen.
Nicht realistisch ist, aus einem Buch eine Garantie auf bessere Leistung, Gewichtsverlust oder Symptomfreiheit abzuleiten. Die individuelle Reaktion auf Training und Ernährung variiert erheblich. Trainingsalter, Genetik, psychosozialer Stress, Schlaf, Eisenstatus, Schilddrüsenfunktion, Medikamenteneinnahme und gesundheitliche Vorerkrankungen spielen mit hinein. Deshalb kann dieselbe Strategie bei einer Frau sehr gut funktionieren und bei einer anderen kaum etwas verändern.
Wichtig ist auch die Grenze zur Medizin. Starke oder neue Blutungsstörungen, sehr unregelmäßige Zyklen, ungeklärter Gewichtsverlust, deutliche Erschöpfung, anhaltende Schlaflosigkeit oder starke Leistungseinbrüche gehören medizinisch abgeklärt. Bücher können sensibilisieren, aber sie können keine Diagnostik ersetzen. Das gilt umso mehr, weil Symptome wie Müdigkeit oder Schlafprobleme unspezifisch sind und viele Ursachen haben können.
Am sinnvollsten nutzt du beide Bücher daher als Strukturhilfe: zum Einordnen, Testen und Anpassen. Nicht als starres Protokoll, das ungeachtet deines Alltags, deiner Beschwerden und deiner Messwerte durchgezogen werden muss.
Was du daraus mitnimmst
- „Roar“ passt in erster Linie zu menstruierenden Sportlerinnen; „Next Level“ ist meist sinnvoller bei Perimenopause und Menopause.
- Der wichtigste Unterschied ist nicht „mehr Biohacking“, sondern die hormonelle Ausgangslage und damit der Trainings- und Ernährungsfokus.
- Robuster als viele Detailregeln sind die Basics: genug Energie, genug Protein, Krafttraining, Schlaf, Tageslicht und Alkoholreduktion.
- Die Evidenz für viele konkrete Buchthesen ist gemischt: Einige Grundideen sind gut abgestützt, viele Feinempfehlungen aber nur begrenzt direkt geprüft.
- Nutze die Bücher am besten als Orientierung, nicht als Dogma — und hole medizinische Abklärung, wenn Symptome ausgeprägt oder neu sind.