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Vier Supplements haben starke RCT-Evidenz für gesunde Erwachsene: Kreatin-Monohydrat (3-5 g/Tag, Kraftzuwachs ~8 %, kognitive Effekte unter Schlafmangel), Omega-3 EPA/DHA (2-4 g/Tag, klinisch relevante Triglyzerid-Senkung), Magnesium (bei Defizit: bessere Schlafqualität), Vitamin D (bei dokumentiertem Mangel, nicht prophylaktisch). Der breite Rest — Multivitamine, Greens-Pulver, die meisten Adaptogene — zeigt bei Gesunden keine relevanten Effekte.
Was zählt als „wirklich wirken"?
Wir bewerten ein Supplement nach drei Kriterien: Evidenzstufe (Meta-Analyse > RCT > Kohorte > Tier > Anekdote), Effektgröße (klinisch relevant oder nur statistisch signifikant) und Reproduzierbarkeit (mehrere unabhängige Arbeitsgruppen mit konsistenten Befunden). Ein Supplement, das in einer 4-Wochen-Studie mit n=30 einen p-Wert unter 0,05 schafft, ist nicht „belegt" — es ist ein Signal, das mehr Daten braucht.
Dazu kommt der Kontext: ein Supplement, das einen Mangel behebt, wirkt fast immer. Vitamin D wirkt bei Defizit. Eisen wirkt bei Eisenmangelanämie. Magnesium wirkt bei dokumentiertem Mangel. Die spannende Frage ist: wirkt es auch ohne Mangel? Da wird die Evidenz schnell dünn.
Die vier mit der besten Evidenz
Kreatin-Monohydrat — das bestuntersuchte Supplement der Welt
Über 1000 publizierte Studien, klare Effekte: Maximalkraft +5-15 % bei trainierten Athleten, Muskelmasse +1-2 kg über 8-12 Wochen Training, Sprint-Performance verbessert. Die Position-Stand-Übersicht der International Society of Sports Nutrition (Kreider 2017, PMID 28615987) fasst die Belege zusammen: 3-5 g Monohydrat pro Tag, dauerhaft, mit oder ohne Loading. Loading (20 g/Tag, 5-7 Tage) füllt Muskelspeicher schneller, ist aber nicht nötig.
Sicherheitsprofil: gut. Nierenmarker (Kreatinin) steigen messbar, ohne dass die tatsächliche Nierenfunktion leidet — Standardwerte sind unter Kreatinsupplementierung falsch-positiv für „Nierenproblem".
Über die Sportwelt hinaus zeigt Kreatin in kleineren Studien kognitive Effekte unter Schlafmangel oder bei Vegetariern (deren Baseline-Kreatinspeicher niedriger sind). Die Evidenz hier ist nicht so dicht wie bei Kraftsport, aber konsistent positiv.
Omega-3 EPA/DHA — Triglyzerid-Senker, nicht Allzweckmittel
Bei erhöhten Triglyzeriden (> 150 mg/dl) senken 2-4 g EPA/DHA pro Tag diese um 15-30 %, klinisch relevant (Skulas-Ray 2019, American Heart Association Scientific Statement, PMID 31476893). Bei sehr hohen Triglyzeriden (> 500 mg/dl) sind verschreibungspflichtige Hochdosis-Präparate (Icosapent Ethyl) Standard of Care.
Was Omega-3 nicht zuverlässig leistet: kardiovaskuläre Primärprävention bei Gesunden mit Normalwerten. Die großen Megatrials der letzten Jahre (VITAL, ASCEND) fanden keine klare Reduktion harter Endpunkte ohne Risikofaktoren. Wer Fischfett primär gegen Herzinfarkt nimmt, ohne erhöhte Triglyzeride zu haben, optimiert auf einen unsicheren Effekt.
Dosis-Faustregel: 2-3 g EPA+DHA kombiniert pro Tag, oxidationsarm (TOTOX < 10), mit der größten fetthaltigen Mahlzeit.
Magnesium — bei Defizit eindeutig, sonst diskussionswürdig
Eine Doppelblind-Studie mit älteren Erwachsenen und primärer Insomnie zeigte unter 500 mg Magnesium pro Tag signifikante Verbesserung von Schlafqualität (PSQI), Einschlafzeit und früher Erwachen (Abbasi 2012, PMID 23853635). Die Effektgröße war moderat, die Probanden hatten subklinische Defizite.
Bei jüngeren Erwachsenen ohne Defizit sind die Effekte schwächer und weniger konsistent. Die Bioverfügbarkeit hängt stark von der Form ab: Bisglycinat (an Glycin gebunden) wird gut aufgenommen und ist magenfreundlich. Citrat ist günstig, gut resorbiert, kann bei höheren Dosen leicht abführen. Oxid hat eine Bioverfügbarkeit unter 5 % — fast nur als Abführmittel sinnvoll, nicht zur Substitution.
Tagesdosis 300-500 mg elementares Magnesium, abends. Maximal sicher: 350 mg über Supplemente zusätzlich zur Ernährung (laut EFSA UL für Erwachsene).
Vitamin D — bei Mangel ja, prophylaktisch unklar
In Mitteleuropa haben 40-80 % der Erwachsenen je nach Jahreszeit suboptimale 25(OH)D-Spiegel. Bei nachgewiesenem Mangel (< 20 ng/ml) verbessert Substitution Knochenmineraldichte, reduziert Sturz- und Frakturrisiken bei älteren Erwachsenen und normalisiert Calcium-Homöostase.
Bei nicht-defizienten Erwachsenen sind die Effekte unklar. Die VITAL-Studie (n=25.871, 5,3 Jahre Follow-up) fand mit 2000 IU Vitamin D pro Tag keine signifikante Reduktion von Krebs- oder Herz-Kreislauf-Ereignissen (Manson 2019, PMID 30415629). Die Hoffnungen auf Vitamin D als Longevity-Hebel haben sich in den großen Trials nicht bestätigt.
Empirischer Standard ohne Bluttest: 2000-4000 IU/Tag, mit der größten Mahlzeit (fettlöslich). Über 4000 IU/Tag dauerhaft sollte mit Bluttest begleitet werden.
Wo der Markt am lautesten lügt
Multivitamine: Die Physicians' Health Study II (n=14.641, 11 Jahre) fand keinen signifikanten Effekt auf kardiovaskuläre Endpunkte oder Gesamtmortalität (Sesso 2012, PMID 23117275). Als Versicherung gegen multiple subklinische Mängel mögen sie sinnvoll sein — als Performance- oder Longevity-Intervention sind sie nicht belegt.
Greens-Pulver: Vermarktet als „Gemüse in Pulverform". RCTs an relevanten Endpunkten existieren praktisch nicht. Polyphenole und Mikronährstoffe aus echter Pflanzenkost werden über die Matrix-Effekte besser aufgenommen — Pulver ist Convenience, kein Substitut.
Adaptogene (Ashwagandha, Rhodiola, Eleuthero): Mechanistisch plausibel, mit teils ermutigenden Kurzzeitstudien an Stress- oder Schlaf-Endpunkten. Probleme: kleine n, kurze Laufzeiten (4-12 Wochen), Heterogenität der Präparate. Ashwagandha hat noch die belastbarste Evidenz; trotzdem sind Langzeitdaten dünn und Wechselwirkungen mit Schilddrüsenmedikation dokumentiert.
Hochdosis-Antioxidantien: Beta-Carotin in hohen Dosen erhöht das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern (CARET-, ATBC-Studie). Vitamin E in Dosen über 400 IU/Tag korreliert mit erhöhter Gesamtmortalität in Meta-Analysen. „Mehr Antioxidans = besser" ist eine widerlegte Heuristik.
Methodik — Wie wir Supplements bewerten
Wir nutzen ein vierstufiges System: Meta-Analyse > RCT > Beobachtungsstudie > Mechanistik/Tier. Jeder Wirkstoff dieser Liste hat einen Evidenz-Score, der sich aus Anzahl unabhängiger RCTs, Konsistenz der Befunde und Effektgröße ableitet. Wenn die Evidenz schwach ist, sagen wir das explizit — und unterscheiden zwischen „wirkt nicht" (Evidenz dagegen) und „unklar" (zu wenig Daten). Keine Affiliate-Links, kein Hype, keine Halluzinationen.
Quellen
- Kreider RB et al. 2017 — International Society of Sports Nutrition position stand: safety and efficacy of creatine supplementation in exercise, sport, and medicine PMID 28615987
- Skulas-Ray AC et al. 2019 — Omega-3 Fatty Acids for the Management of Hypertriglyceridemia: A Science Advisory From the American Heart Association PMID 31476893
- Abbasi B et al. 2012 — The effect of magnesium supplementation on primary insomnia in elderly: A double-blind placebo-controlled clinical trial PMID 23853635
- Manson JE et al. 2019 — Vitamin D Supplements and Prevention of Cancer and Cardiovascular Disease (VITAL trial) PMID 30415629
- Sesso HD et al. 2012 — Multivitamins in the prevention of cardiovascular disease in men: the Physicians' Health Study II randomized controlled trial PMID 23117275